Selbst wenn ein Zahnarzt eine apikale Parodontitis nicht erkennt, muss kein vorwerfbarer Behandlungsfehler vorliegen.

Eine Patientin hatte eine apikale Parodontitis der Zähne 46 und 47. Der später beklagte Zahnarzt ließ jeweils am 31.08.2009 und am 06.04.2010 ein Orthopantoogramm (OPG) erstellen. Auf dem OPG war die periapikale Aufhellung kaum zu erkennen. Daher kam der Zahnarzt zu dem Ergebnis, dass am Zahn 47 Karies vorlag. Er empfahl der Patientin eine Überkronung der Zähne 46 und 47. Später stellte sich nach einem weiteren OPG heraus, dass tatsächlich eine apikale Parodontitis der Zähne 46 und 47 vorlag. Die beiden Zähne mussten extrahiert werden.

Die Patientin verklagte den Zahnarzt und behauptete, dass keine Fehldiagnose, sondern eine unterlassene Diagnosefeststellung vorliege. Das Landgericht (LG) wies die Klage ab. Das Oberlandesgericht (OLG) Dresden, Beschluss vom 09.12.2020, 4 U 1777/20, riet der Klägerin in einem sogenannten Hinweisbeschluss, die Berufung gegen das Urteil des Landgerichts zurückzunehmen. Grundsätzlich liege zwar ein Behandlungsfehler vor, wenn ein Zahnarzt eine erkennbare Erkrankung und ihre Symptome nicht zutreffend erkenne. Allerdings müsse dem Zahnarzt daraus auch ein Vorwurf gemacht werden können. Oftmals sei nämlich ein Irrtum bei der Diagnose einer Erkrankung nicht vorwerfbar, da beispielsweise die Symptome nicht immer eindeutig einer bestimmten Krankheit zugeordnet werden können und jeder Patient auf bestimmte Krankheiten anders reagiere.

Wie in solchen Fällen üblich, wurde ein Sachverständigengutachten beauftragt. In diesem Gutachten kam der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass keine dem Zahnarzt vorwerfbare Fehlinterpretation vorlag. Dabei stellen die Gerichte in solchen Fällen immer auf den ex ante Zeitpunkt abstellen. Mit anderen Worten untersuchen die Gerichte, ob der Zahnarzt zum Zeitpunkt der beiden OPG-Aufnahmen am 31.08.2009 bzw. 06.04.2010 eine apikale Parodontitis hätte feststellen müssen. Der Sachverständige kam zu dem Ergebnis, dass die Qualität der Aufnahmen dazu zu schlecht gewesen sei. Zudem legte der Sachverständige diese beiden OPG-Aufnahmen vier Zahnärzten vor, von denen nur drei die apikale Parodontitis erkannt haben. Da auch der MDK-Gutachter die Erkrankung nicht erkannt habe, folgte für den Sachverständigen, dass kein vorwerfbares Verhalten des beklagten Zahnarztes vorgelegen habe.

Das OLG Dresden hat die Berufung auch daran scheitern lassen, dass selbst dann, wenn der Zahnarzt die apikale Parodontitis erkannt hätte, nicht sicher gewesen wäre, dass die Extraktion der Zähne hätte vermieden werden können. Beide Zähne seien zum Zeitpunkt der Diagnose bereits vorgeschädigt gewesen und es sei ungewiss, ob eine Wurzelkanalbehandlung der Patientin die Extraktion erspart hätte.

Schließlich konnte sich die Patientin auch nicht damit durchsetzen, dass objektiv ein Aufklärungsfehler über Behandlungsalternativen vorgelegen habe. Zwar habe sich der Zahnarzt über die richtige Diagnose geirrt. Aber dieser Diagnoseirrtum sei nicht vorwerfbar. Wenn der Zahnarzt aufgrund dieses nicht vorwerfbaren Diagnoseirrtums den Patienten falsch aufkläre, könne daraus keine Haftung wegen eines Aufklärungsversäumnisses hergeleitet werden.