Der Wert der Zahnarztpraxis beim Zugewinnausgleich

Trennungen und Scheidungen von Zahnärzten unterscheiden sich nicht von denen anderer Berufsgruppen. Vieles ist zu regeln: So muss der Zahnarzt mit dem bisherigen Lebenspartner Höhe und Dauer des Ehegattenunterhalts vereinbaren. Die Höhe des Kindesunterhalts muss bestimmt werden. Der Zugewinnausgleich muss berechnet werden usw. Viele Scheidungen laufen allerdings äußerst konfliktbeladen ab, so dass einvernehmliche Lösungen oft nicht gefunden werden. Die zu treffenden Regelungen für Trennung und Scheidung hängen vom jeweiligen Güterstand ab.

Praxistipp: Regeln Sie möglichst vor einer Eheschließung den Fall der Trennung vertraglich in einem Ehevertrag. Gerade wenn Sie als Zahnarzt erfolgreich sind, kann eine konfliktbeladene Scheidung erhebliche Auswirkungen auf Ihre Zahnarztpraxis haben. Wer hier vorsorgt, spart sich im Falle einer Scheidung viel Geld und vermeidet schlaflose Nächte.

Sollten Sie keinen Ehevertrag vereinbart haben und im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft leben, wird der Wert der Zahnarztpraxis im Zugewinnausgleich berücksichtigt. Der Zugewinn, den die Ehegatten in der Ehe erzielen, wird ausgeglichen, wenn die Zugewinngemeinschaft endet. Zugewinn ist der Betrag, um den das Endvermögen eines Ehegatten sein Anfangsvermögen übersteigt, d.h. Zugewinn ist der Vermögenszuwachs seit der Eheschließung. Der Wert der Zahnarztpraxis wird dem Endvermögen des Zahnarztes als Praxisinhaber hinzugerechnet, dabei erfolgt die Bewertung der Praxis während des Zugewinnausgleichsverfahrens durch Einholung eines Sachverständigengutachten durch das Familiengericht. Zur Bestimmung des Wertes spielt die Bewertungsmethode eine wesentliche Rolle. Gesetzlich ist nicht geregelt, wie der Wert der Zahnarztpraxis zu ermitteln ist. Es gibt eine Fülle von Methoden, die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Bereits seit den 70er Jahren ist ständige Rechtsprechung, dass Sachverständige grundsätzlich nach eigenem Ermessen die Berechnungsmethode festlegen können. Im Grundsatz sind drei Methoden zu unterscheiden, die oft kombiniert werden. Relativ einfach ist die Bemessung des Werts einer Zahnarztpraxis am Wert der Einrichtungsgegenstände. Der Wert des Unternehmens „Zahnarztpraxis“ bemisst sich aber nicht nur an der Einrichtung. Vielmehr muss auch der sogenannte goodwill berücksichtigt werden. Die Bestimmung des goodwill kann sich am Umsatz oder am Gewinn orientieren. Bei einer Zahnarztpraxis mit einem Umsatz von 500.000 € und einem Gewinn von 200.000 € kommt man damit auf unterschiedliche Werte.

 

Maßstab für die BewertungBewertungszeitraum / Dauer / WertFaktorWert der Praxis
Substanz oder Sachwert = welchen Wert hat die zur Zahnarztpraxis gehörende EinrichtungBuchwert? Restwert? Marktwert?  
Umsatz der Zahnarztpraxis zur Bestimmung des goodwillVergangenheit oder in Zukunft?

Wie lange?

0,2 bis 0,5100.000 bis 250.000 €
Gewinn der Zahnarztpraxis, Ertragswert zur Bestimmung des goodwillIn der Vergangenheit oder in Zukunft?

Wie lange?

0,5 bis 1,0100.000 bis 200.000 €

 

Zur Bestimmung des Goodwills einer Zahnarztpraxis wird inzwischen überwiegend die sogenannte modifizierte Ertragswertmethode herangezogen, die sich zur Bestimmung des sogenannten Goodwills am Gewinn der Zahnarztpraxis orientiert. Die Kosten und Ausgaben sowie die Abschreibung werden vom Umsatz abgezogen. Daraus ermittelt der Sachverständige den voraussichtlich in den nächsten Jahren nachhaltig zu erwartenden Gewinn. Dieser wird reduziert um:

  • das „Gehalt“ des Zahnarztes auf Grundlage des Tariflohns für Zahnärzte, das um den Arbeitgeberzuschlag für die Lohnnebenkosten erhöht wird und
  • die Einkommensteuer der Zahnarztpraxis.

Das Gehalt des Zahnarztes orientiert sich meist an dem eines Oberarztes in einer Zahnklinik (TV-Ärzte VKA oder TV-Ärzte TdL). Ggf. wird von dem verbleibenden Gewinn nur ein bestimmter Prozentsatz aufgrund von Praxisbesonderheiten (z.B. 90 %) als nachhaltig realisierbar angesetzt.

Schließlich wird der der Barwert ermittelt, also das Kapital, das man benötigt, um mit einem bestimmten Zinssatz den ermittelten Gewinn zu erzielen. Dieses Kapital ist der modifizierte Ertragswert der Zahnarztpraxis und mit diesem Wert wird die Zahnarztpraxis im Zugewinnausgleich berücksichtigt. Das modifizierte Ertragswertverfahren zur Bestimmung des Wertes einer Zahnarztpraxis ist spätestens seit der Entscheidung des BGH vom 09.02.2011, XII – ZR 40/09, anerkannt.

Dennoch führt auch dieses Verfahren zu einer großen Bandbreite unterschiedlicher Bewertungen, weil

  • die nachhaltig erzielbaren Gewinne einer Zahnarztpraxis von Risiken und Chancen beeinflusst werden, die kein Gutachter vorhersagen kann,
  • die Höhe des Zinssatzes in einer Niedrigzinsphase 5 Prozent betragen kann oder auch 10% weil ein Unternehmer eine Eigenkapitalrendite von 10% und mehr erwartet.
  • die Sachverständigen den Gewinn der Zahnarztpraxis der nächsten 3 bis 5 Jahre als Planungszeitraum zugrunde legen. Dabei gehen die meisten Sachverständigen von den Zahlen der letzten 3 – 5 Jahren aus und entwickeln aus diesen IST-Werten SOLL- Zahlen.

Der modifizierte Ertragswert wird um den Substanz- oder Sachwert der Zahnarztpraxis erhöht, also den Wert der Einrichtungsgegenstände der Zahnarztpraxis.

Damit kommt bei einer streitigen Scheidung dem Gutachten des Sachverständigen entscheidende Wirkung zu. Der Zahnarzt wird alles daran setzen, den Wert der Zahnarztpraxis möglichst gering einschätzen zu lassen, der bisherige Lebenspartner will einen möglichst hohen Wert errechnen lassen. Alleine diese Bandbreite möglicher Ergebnisse des Sachverständigengutachtens kann zu weiterem Streit führen.

Verfügen die bisherigen Ehegatten über einen Ehevertrag, sind die Scheidungsfolgen kalkulierbarer. In einem Ehevertrag können neben der Gestaltung der ehelichen Lebensgemeinschaft auch die Folgen der Ehescheidung einvernehmlich geregelt werden. Um nachteilige Scheidungsfolgen zu reduzieren, empfiehlt es sich, beispielsweise den gesetzlichen Güterstand zu modifizieren, sich über Unterhaltspflichten nach der Scheidung zu einigen, etc.

Praxistipp: Ein Ehevertrag bedarf notarieller Form. Die Kosten für den Notar orientieren sich am Vermögen der Ehegatten. Heirat und Gründung einer Zahnarztpraxis liegen zeitlich immer noch nahe beieinander. Wer als Zahnarzt vor der Heirat einen Ehevertrag vereinbart, profitiert wegen des oft noch nicht erfolgten Vermögensaufbaus von deutlich günstigen Kosten für den Notar. Die notarielle Urkunde kostet je nach zugrunde liegendem Wert 3.000 bis 4.000 € für beide Ehegatten zusammen, die Kosten einer streitigen Scheidung können schnell das 10-fache dieses Betrages für jeden der beiden Ehegatten betragen!

In einem Ehevertrag kann geregelt werden, wie der Wert der Zahnarztpraxis bestimmt werden soll. Diese frühzeitigen Festlegungen vermeiden im Fall der Fälle Streit und lange Verfahrensdauern, die meist auch erhebliche Auswirkungen auf die berufliche Tätigkeit des Zahnarztes haben.

Praxistipp: Wenn Sie als Zahnarzt mit einem Kollegen zusammenarbeiten, sollten Sie z.B. in der Satzung der GbR vereinbaren, dass beide Zahnärzte mit ihrem jeweiligen Partner einen Ehevertrag schließen. Die Klausel sollte wie folgt lauten: „Verheiratete Gesellschafter sind verpflichtet, entweder durch Ehevertrag Gütertrennung zu vereinbaren oder, falls sie Gütergemeinschaft vereinbart haben, die Beteiligung an der Zahnarztpraxis im Ehevertrag als Vorbehaltsgut des Gesellschafters zu erklären und diese im Güterrechtsregister eintragen zu lassen oder, falls sie im Stande der Zugewinngemeinschaft leben, durch Ehevertrag zu vereinbaren, dass der Gesellschafter den Beschränkungen des § 1365 nicht unterliegt und die Beteiligung des Gesellschafters vom Zugewinnausgleich ausgenommen ist.

Um die Scheidungsfolgen besser einschätzen zu können, sollten Sie sich anwaltlich beraten lassen. Dabei können Sie sich sehr gerne an die anwaltliche Kurzberatungshotline (0711 770557–333) wenden. Wir helfen Ihnen gerne weiter.

Rechtsanwältin Marina Vanteev

Fachanwältin für Medizin- und Familienrecht